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Alles für die Filmfamilie

„Wir wollten nicht, dass die Betriebe bloß ein Häkchen machen – wir wollen den Prozess!“

Verena Usemann, Opernsängerin, Bühnenmütter / Culture Care.

Verena Usemann, geboren 26.3.1981 in Hamburg, Gesangsstudium an der HMT Felix Mendelssohn Leipzig und der Univ.  für Musik und Darst. Kunst Wien mdw.

Berufliche Stationen u.a. das tfn Theater für Niedersachsen und das Landestheater Coburg, sowie Mitarbeit beim LINOS-Ensemble, dem ensemble risonanze erranti sowie dem Kammerensemble für neue Musik Berlin. Debüt mit dem NDR-Sinfonieorchester in MOSES UND ARON, Elbphilharmonie Hamburg 2017.

Zu ihrem Opernrepertoire zählen zahlreiche lyrische Mezzorollen wie Rosina (DER BARBIER VON SEVILLA), Varvara (KATJA KABANOVA), Romeo (I CAPULETI E I MONTECCHI) Melisande (PELLEAS ET MELISNADE), Orpheus (ORFEO ED EURIDICE), Octavian (DER ROSENKAVALIER) sowie die Titelpartie von Händels RINALDO.

Seit 2018 arbeitet Verena als freischaffende Sängerin und Gesangspädagogin.

2021 gründete sie gemeinsam mit einer Gruppe anderer Bühnenkünstlerinnen die BÜHNENMÜTTER, ist seit 2022 Vorstandsmitglied und seit Dezember 2024 beim Verein angestellt als Ko-Projektleitung im Culture Care-Projekt.

Verena lebt mit ihrem Mann und den drei gemeinsamen Kindern in Berlin.

Agentur von Verena Usemann https://helfrichtartists.com/Artist/verena-usemann/
Bühnenmütter* e.V. https://www.buehnenmuetter.de
Culture Care-Projekt https://culturecare-bm.de/

Heute geht es nicht um die Filmfamilie, sondern um die Bretter die die Welt bedeuten.
Liebe Verena, vielen Dank, dass Du Dir Zeit für unser Gespräch nimmst!

Sehr gerne.

Opern- und Konzertsängerin, war das immer schon Dein Traum? Oder wolltest Du erst Schlagersängerin werden und hast mit Haarbürste als Mikrofon zu Hause vor dem Spiegel geprobt?

Nein, es war noch anders. Ich wollte eigentlich Cellistin werden! Als Kind habe ich Cello gelernt und auch sehr intensiv gespielt, und kurz davon geträumt, das zu meinem Beruf zu machen. Daneben war ich im Kinderchor der Staatsoper in Hamburg, hatte also mit Oper und Bühne zu tun, das hat mich sehr fasziniert.

Ich bin dann zunächst orchestersozialisiert worden, und habe relativ spät, als 16-Jährige, mit Gesangsunterricht angefangen. Meine Eltern waren mit einer Sängerin befreundet, die mich immer wieder fragte: "Willst du nicht mal? Das könnte ich mir gut vorstellen! Lass uns doch mal treffen." Und dann hat mich das total gepackt dieses Singen, und ich habe es ganz schnell zu meinem Ding gemacht.

Wenn man ein Streichinstrument ernsthaft lernt, übt man jeden Tag stundenlang. Das ist eine irre Fleißarbeit und auch ein motorisches Automatisieren. Mich hat es irgendwann angeödet. Beim Singen fand ich die Art des Übens so viel interessanter, da es ja über Bilder funktioniert. Es war auch fantasievoller, wie ein Experimentierkasten, jeden Tag fühlte es sich anders an. Das ist nicht immer schön, aber mich hatte dieses Üben begeistert und motiviert. Also habe ich entschieden: Wenn ich was mit Musik mache, dann Gesang!

Zwischenzeitlich hatte ich ein Philosophiestudium angefangen, weil ich früher dachte, ich mache auf jeden Fall Geisteswissenschaften. Aber dann kamen die Aufnahmeprüfungen an den Musikhochschulen, und da dachte ich, das wäre mein Traum, ich hätte da so Lust drauf. Und wenn es nicht klappt, blieben die Geisteswissenschaften. Das heißt ich war nie ausschließlich darauf fokussiert.

Und dann hat es geklappt!

Und dann hat es geklappt, ja. Ich habe in Leipzig studiert und jeden Unterricht und jeden Tag genossen! Gerade nach dem Philosophiestudium mit in der Bibliothek sitzen, Bücher lesen, Essays schreiben dachte ich "Wow, das ist das richtige Leben!" Dann ging ich kurz nach Wien, weil ich dort eine tolle Lehrerin hatte. Und ich hätte auch die Möglichkeit zu einem Aufbaustudium gehabt für das Opernkonzertexamen. Ich hätte ewig studieren können, es brachte mir total Spaß. Aber irgendwann wollte ich wissen, ob ich mit diesem Beruf auch mein Geld verdienen könnte, also habe mich doch gegen Studium und Examen entschieden.

Ich ging zurück nach Deutschland, habe Vorsingen gemacht und auch sehr viel Glück gehabt glaube ich, denn ich habe sehr schnell ein Festengagement bekommen und den Bühnenweg eingeschlagen. Das habe ich als großes Privileg empfunden, denn ich fand das nie selbstverständlich oder dass es das einzige für mich ist und auf jeden Fall klappt.

Deshalb ist es jetzt auch konsequent, dass ich vom existenzsichernden Singen wieder weg bin.

Dein Partner, ist der auch aus der Branche?

Ja, wir haben uns tatsächlich am Theater kennengelernt. Damals war er hauptsächlich Opernregisseur aber dann hat er mehr Schauspiel gemacht, und jetzt arbeitet er an einem Kinder- und Jugendtheater.

Noch mal zurück zu dem, was Du gerade sagtest: statt immer weiter zu lernen muss man irgendwann auch mal Geld verdienen...

Ja. Und das eigentliche Lernen, das kann man sich im Studium nicht vorstellen, das passiert ja auf der Bühne, als eine andere Art des Lernens. Ich habe auch mein erstes Festengagement freiwillig nach zwei Jahren verlassen weil ich das Gefühl hatte, ich lerne da gerade gar nicht mehr genug. Ich wollte eigentlich andere Sachen lernen und mich schneller oder anders weiterentwickeln.

Verena Usemann Rosenkavalier

Verena Usemann als Octavian im ROSENKAVALIER, Landestheater Coburg

Dann hast du drei Kinder bekommen. Und bist jetzt bei den Bühnenmüttern, einem Verein für Künstler:innen die erlebten, wie schwer eine Karriere in der Kultur mit Elternschaft bzw. Familienarbeit vereinbar ist. Denn Ihr seid nicht nur auf Eltern und kleine Kinder fixiert, oder?

Absolut. Wir arbeiten jetzt viel mehr mit dem Begriff Fürsorge oder Care, und setzen uns für alle Menschen ein, die in der Kunst- und Kulturbranche arbeiten und außerdem eine Fürsorgeverpflichtung haben. Wir sind glaube ich viel offener und breiter geworden, auch in unserer Mitgliederschaft: viele sind nicht Mütter oder Eltern, oder noch nicht, und beschäftigen sich trotzdem mit dem Thema Fürsorge.

Zum Beispiel mit der Pflege von Angehörigen.

Genau. Unser Feld ist immer breiter geworden und auch unsere Zielgruppe. Wir haben mittlerweile auch männliche Mitglieder. Und wir bemühen uns aktiv darum, wegzukommen von dem Bild Muttiverein.

Es gibt seit einiger Zeit den Bundesverband Vereinbarkeit. Auf deren Webseite kommen Kinder glaube ich 200 Mal vor. Aber pflegebedürftige Angehörige gar nicht, dieser Bereich käme noch. Ja, aber was heißt, der kommt noch? Ihr habt als Bühnenmütter angefangen, da war es natürlich erst mal naheliegend, von Frauen mit Kindern zu sprechen.

Ja, das ist auch aus unserem Selbsterfahrungshintergrund raus gespeist. Aber was uns jetzt auch in unserem Culture Care-Projekt unterkommt ist das Gefühl, dass das Thema Pflege vielleicht in den nächsten Jahren an erster Stelle stehen wird.

Bühnenmütter, das ist nicht nur Musiktheater, sondern auch Schauspiel.

Ja, wir haben in unserer Mitgliederschaft Schauspieler:innen, bildende Künstler:innen, Musiker:innen, Solomusiker:innen, Orchestermusiker:innen, Vorsänger:innen, Autor:innen...

Also eigentlich alle.

Ja alle. Wir versuchen auch durch unsere digitalen Konferenzen Schwerpunkte zu setzen und gezielt auch andere Berufsgruppen anzusprechen. Schauspieler:innen und Sänger:innen bilden vielleicht die Mehrheit, aber es wird immer bunter.

Wie viele Mitglieder habt ihr aktuell?

Ich glaube circa 220.

Super.

Und wir haben mittlerweile auch drei Theater als Mitglied. Das würden wir gerne pushen, weil wir momentan viel in Theaterinstitutionen unterwegs sind, uns in die Strukturen stürzen, und oft eingeladen werden, bei Betriebsversammlungen zu sprechen. Das Thema wird überall nachgefragt, und wir wünschen uns, dass möglichst viele Theater bei uns 

Mitglied werden und ihre Mitarbeitenden mit uns vernetzen. Im Gegenzug bieten wir Impulsvorträge und Weiterbildungen an.

Ihr habt viele Mitglieder, die ehrenamtlich aktiv sind. Und ihr habt jetzt auch einige, die bezahlt werden, zum Beispiel Dich.

Richtig.

Wie viele sind das und wie kam es dazu? Das sind doch wahrscheinlich keine Minijobs?

Nein. Wir sind momentan zehn Vorstandspowerfrauen, eine echt tolle Truppe und alle sehr engagiert im Vorstandsamt, nach wie vor ehrenamtlich. Dazu gibt es viele Mitglieder, die sich projektweise engagieren, z.B. Workshops geben, bei Veranstaltungen sprechen und uns vertreten. Und dann haben wir Ende 2024 einen unglaublichen Glücksgriff gemacht: Wir haben eine ESF-Förderung beantragt und bekommen, eine Förderung vom Europäischen Sozialfonds, für unser Projekt Culture Care.

buehnenmuetter culture care

Das war eine recht logische Entwicklung in unserer Vereinsgeschichte. Denn wir hatten lange an einem Maßnahmenkatalog gearbeitet, den „Handlungsempfehlungen für die Vereinbarkeit von Sorge und künstlerischer Arbeit am Theater.“ Darin haben wir konkret aufgelistet, welche Maßnahmen aus unserer Sicht das Arbeiten fürsorgefreundlicher machen. Und diese Vorschläge haben wir in die Welt geschickt, und viel gutes Feedback bekommen! Dann hieß es „Das müsste jetzt in der Praxis umgesetzt werden. Wer kann das?“

Wir wollten das am liebsten selbst machen. Und bei der Suche nach Förderung sind wir auf den Europäischen Sozialfonds gestoßen. Ich sage immer, wir haben mit einer Handangel einen Walfisch geangelt! Diese Art und Höhe von Förderung gab es nicht in den Gewässern des Kulturbetriebs, wo wir sonst gefischt haben. Das sind Gelder von der EU bzw. vom Arbeitsministerium BMAS – und genaugenommen ist ist eine Weiterbildungsförderung, die betriebliche Weiterbildung in ganzen Branchen fördert.

Das war eigentlich genau das, was wir wollen. Wir haben das sehr groß visioniert und dazu verschiedene Beratungen in Anspruch genommen und wir hatten gleich das Gefühl, die Förderstelle findet das super. Obwohl wir uns als kleiner Verein schon fragten, wie können wir jetzt hier Millionen beantragen? Denn unter 800.000 € nehmen die beim ESF eher keine Anträge entgegen.

Wir wurden aber dort sehr unterstützt und bestärkt und haben im Dialog mit ihnen das Culture Care-Projekt entwickelt. Sie waren auch deshalb begeistert, weil aus der Kulturbranche noch nie jemand bei ihnen beantragt hatte, strukturell weiterbildungsmäßig etwas zu tun. Sagten sie uns jedenfalls. Diese Förderung kannte auch niemand, das war nicht etwas, dass durch die gängigen Kultur-Newsletter gegangen ist.

Und jetzt wissen alle davon!
Noch mal zum Verständnis: Weiterbildung heißt, dass Ihr Theater weiterbildet.

Genau. Und weil Du nach bezahlten Mitarbeiterinnen gefragt hattest: durch diese Förderung haben wir jetzt Festangestellte. In der ersten Förderrunde waren wir zu sechst, zwei Vollzeit- und vier Teilzeitstellen. Seit September 2026 erhalten wir noch eine weitere Förderung, da nehmen wir neue Theater an Bord und starten den Prozess quasi versetzt in den neuen Bundesländern.

Also sind es seit dem 1.9. insgesamt elf Festangestellte. Das ist für uns ein riesiger Quantensprung! Wir haben jetzt ein Büro, einen Art Director, eine Buchhaltung und eine andere Sichtbarkeit – was natürlich auch dem Verein zuarbeitet.

Und wir professionalisieren uns oder müssen uns professionalisieren. Wir lernen irre viel, einfach dadurch, dass wir es tun. Wir haben nach wie vor keine Geschäftsstelle für den Verein, nur unser Projektbüro. Aber wir können von dort natürlich auch Dinge machen für den Verein.

Im Februar 2024 ging das Ratgeber und Informationsportal Familienfreundliches Drehen (ffd PQF) online, eine Ressource, die ein bisschen verschenkt wurde, weil damit nichts weiter passierte.
Ihr habt einen anderen Weg gewählt und Euer Maßnahmenpapier nicht als Rundmail verschickt, sondern seid zu den Theatern gegangen um Euch persönlich an die Verantwortlichen zu wenden.

Genau. Wir hatten uns entschieden, unsere Womenpower in die direkte Begleitung dieser Prozesse zu stecken. Deswegen haben wir unsere ursprüngliche Familiensiegel-Idee auch wieder verworfen, denn wir wollten nicht, dass die Betriebe ein Häkchen machen und Dinge abarbeiten und sich eine goldene Plakette über die Tür hängen, sondern wir wollen den Prozess! Und der Prozess ist mühsam. Man verändert nicht mal eben eine Struktur oder ein Bewusstsein, auch nicht in drei Jahren.

Aber wir haben das Gefühl, dass die ganzen Gespräche, die wir in den Theatern führen, sehr wertvoll sind, - „Reden hilft“ ist bei uns im Projekt ein bonmot geworden! Wir haben im ersten Jahr eine sehr ausführliche Status quo-Analyse gemacht, Leitfadeninterviews in den Theatern geführt zum Thema "Wie wird hier Vereinbarkeit praktiziert?“, und gefragt „Was habt ihr für Ideen? Wie empfindet ihr die Haltung eurer Vorgesetzten? Wie ist das kollegiale Miteinander dazu? Was würdet ihr euch wünschen?"

Wir haben jeweils eine gute Stunde mit Menschen gesprochen in den Theatern, was die Interviewpartnerinnen wahnsinnig gefeiert haben, alleine das öffnete schon die Augen und war an sich schon eine Sensibilisierungsmaßnahme. Hinterher haben wir dem Theater die Ergebnisse zurückgegeben und mit den Geschäftsführern darüber gesprochen. Und daraus individuelle Maßnahmen für die Theater abgeleitet, die jetzt umgesetzt werden.

Das sind alles kleine Schritte, die beim immer wieder darüber Reden und Hinterfragen entstehen. Ganz abgesehen von strukturellen Dingen, die wir versuchen, auf die Beine zu stellen. Vereinbarungen, Kinderbetreuung...

Diese "Leitfadeninterviews" liefen bis jetzt nur an den sieben Modelltheatern?

Genau, als Teil unserer Status quo-Analyse. Die Interviews waren eine wahnsinnig gute Idee und brachten uns neben den Einblicken auch viel Spaß.

Und wir bekamen die Rückmeldung aus den Theatern, dass wir durch die Interviews ganz viele grundlegende Probleme und Stimmungen eingefangen haben, und die Betriebe so sehr gut kennengelernt haben. Auch die Zusammenhänge: In welchen Abteilungen läuft Vereinbarkeit gut? Warum ist das so? Was liegt an der Kommunikation?

Das ist natürlich grundlegende Organisationsentwicklung, auf die wir da gestoßen sind. Wir haben alles mit unserem Bühnenmütterblick geprüft. Uns wird sehr viel Vertrauen entgegengebracht, weil wir aus der ausübenden Kunst kommen, also Betroffene sind. Wir kennen die Abläufe und Schmerzpunkte, wir wissen was ein Tagesplan ist und wie sich was ändert.

Habt Ihr nie Widerstand von Theatern gespürt? Oder hieß es auch mal „Nein, interessiert uns nicht“?

Eher nicht. Weil wir sehr schnell Kooperationspartner finden mussten im Antragsverfahren, haben wir zunächst auf Kontakte zurückgegriffen, wo wir das Gefühl hatten, die Tür wird wahrscheinlich leicht aufgehen. Uns wurden auch Theater empfohlen, die interessiert sein könnten. Wir haben also keine Kaltakquise gemacht.

Deutlich überrepräsentiert sind übrigens Theater mit weiblicher Leitung. Das ist, glaube ich, auch kein Zufall.

Interessant. Nenn doch mal Eure sieben ersten Modelltheater!

Chamäleon Theater, Berlin 
Kampnagel, Hamburg
Theater für Niedersachsen, Hildesheim
Theater Aachen
Staatstheater Kassel 
Staatstheater Hannover 
Hamburgische Staatsoper

Für die neue Förderrunde – da hatten wir Theater in den ostdeutschen Bundesländern angesprochen - war es etwas schwieriger, zu motivieren und Institutionen mit an Bord zu holen. Ich frage mich, ob es dort hinsichtlich Vereinbarkeit ein anderes Bewusstsein gibt aufgrund der DDR-Vergangenheit, wo Kinderbetreuung einen ganz anderen Stellenwert hatte. Das ist aber nur eine vage Vermutung.

Vielleicht hatte dieses Zögern mehr mit dem allgemein zunehmenden Druck zu tun, und dass die Theater Sorge hatten, dass so ein Prozess zu viele Ressourcen frisst. Sie sind sowieso schon im Überlebensmodus und jetzt noch so ein Vereinbarkeitsprozess. Es sagt aber niemand "Wir finden das überhaupt nicht wichtig, ist uns wurscht." sondern eher "Wir finden das sehr wichtig, aber wir wissen nicht, wie wir es leisten können, uns in so einen Prozess zu vertiefen.“

Der Prozess kostet die Theater auch Geld oder nur Zeit?

Zeit.

Und die ist ja das Kostbare.

Ja, natürlich.

Welches sind die neuen Theater seit September?

Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin
Theater und Orchester Neustrelitz/Neubrandenburg
Deutsches Nationaltheater Weimar
Bühnen Halle

Wir haben in allen Theatern sogenannte Projektlots:innen. Das sind teilfreigestellte Mitarbeitende, die circa zwei Stunden die Woche, also acht Stunden im Monat, für uns und mit uns arbeiten. Das ist essenziell wichtig, damit wir regelmäßig Austausch und Ansprechpartner haben. Und das hat sich total bewährt. Aber diese Menschen muss man natürlich haben im Theater, nicht nur auf dem Papier, sondern am besten real mit zwei Stunden ihrer Arbeitszeit.

Jede Woche.

Ja, im Schnitt. Teilweise machen die auch viel mehr und sind sehr engagiert und bringen eigene Ideen rein, so prägen sie auch diesen Prozess.

Wir haben eine Fortbildung konzipiert für die mittlere Führungsebene. Die heißt "fürsorgliche Führung". Das bekommen die Modelltheater quasi umsonst, eine Weiterbildung, die über das Projekt finanziert ist. Ein bisschen wie die Vereinbarkeitscoaches in der freien Wirtschaft. Die gibt es in einigen Wirtschaftsunternehmen, und die haben natürlich ein Budget um sie zu schulen.

Wir überlegen im Moment auch - wir denken ja ständig in die Zukunft und versuchen neue Gelder und neue Projekte aufzugleisen - ob wir analog zu Nachhaltigkeitsmanager*innen eine Ausbildung für Vereinbarkeitsagent:innen konzipieren können.

Das alles im Rahmen vom Culture Care Projekt?

Ja, an den jetzt 11 Theatern.

Und dann hören andere Intendanten und Intendantinnen davon und wollen das auch alles.

Unbedingt. Das wäre natürlich unser Plan, das jetzt in den ESF-Förderjahren weiterzuentwickeln und zu professionalisieren, und dann vielleicht auch modulweise nach 2028 – bis dahin sind wir finanziert - weiteren Theatern anzubieten. Wir brauchen aber dafür eine Finanzierung, denn die Theater können so einen Prozess nicht wie Wirtschaftsbetriebe selbst finanzieren.

Kannst Du noch etwas zu Eurem Toolkit sagen?

Ja, das Toolkit richtet sich eher an die freie Szene, und ist total anschaulich und umfangreich, wie ein kleiner Werkzeugkoffer. Sehr inspirierend!

Da ging es u.a. auch um Theaterbesuche für Familien.

Ja, das Publikum ist natürlich auch eine Zielgruppe für Vereinbarkeitsformate. Man kann Vorstellungen zu anderen Tageszeiten machen, und parallel ein Programm für Kinder. Das kann eine Kinderbetreuung sein, oder für Kinder eine Aufführung. Das ist ein weites Feld, das wir am Rande unseres Projekts auch streifen. Es gibt so ein, zwei Modelltheater, die sich zum Publikum auch Gedanken machen wollen, was super ist um Angebote zu entwickeln. Eltern sind eine ganz schwierige Zielgruppe, als Theaterpublikum schwer zu gewinnen.

Noch ein kurzer Schlenker zur Filmbranche. Es gibt einige, die sich zum Familienfreundlichen Drehen Gedanken machen, sehr viele konkrete Ideen und Vorschläge und inspirierende Fallbeispiele. Und es finden immer wieder Panels dazu statt. Das alles seit Jahren. Aber es kommt nicht groß weiter.
Warum habt Ihr Bühnenmütter schon so viel erreicht und warum könnt Ihr so effektiv arbeiten – und die ,Filmmütter’ nicht, obwohl sie doch das Gleiche wollen wie Ihr, nämlich Denken und Strukturen verändern? Was ist Euer Geheimnis?

Es ehrt uns natürlich sehr, dass wir als so produktiv und präsent wahrgenommen werden – was wir ja auch sind. Ich kann hier gar keine Weisheit verkünden, sondern nur ein paar Anhaltspunkte nennen:

Ein Teil unserer Unermüdlichkeit und Power kommt wahrscheinlich aus der Not. Das Problem ist sehr greifbar, wir sind alle sehr nah dran an diesem Spagat, erleben ihn entweder selbst oder bei Kolleg*innen und fühlen eine gewisse Wut auf den Status Quo oder Empathie mit denen, die daran scheitern, und das spornt uns wahrscheinlich an.

Vorstand buehnenmuetter ausc

Vorstand Bühnenmütter e.V., Verena Usemann mittl. Reihe 3. von rechts

Dann ist und war jedes Vorstandsmitglied bei uns irgendwie ein Powerpaket für sich. Da kommen glückliche Energien und Kompetenzen zusammen und dadurch macht diese Arbeit – obwohl sie ja größtenteils ehrenamtlich ist – wahnsinnig Spaß. Anders lässt sich nicht erklären, dass Mütter (!), die künstlerisch arbeiten und sich um ihre Partnerschaft oder andere Familienangelegenheiten kümmern manchmal nachts und am Wochenende Bühnenmütter-Workshops planen, Anträge schreiben oder Konferenzen vorbereiten. Verbundenheit motiviert und all das, was wir ständig zurück bekommen an Dankbarkeit und Sinngefühl tut sein Übrigens.

Ein ganz kleines Rezept ist vielleicht noch die Sturheit der Regelmäßigkeit: wir treffen uns JEDEN Dienstag morgen und machen JEDEN Monat eine Online-Konferenz. Von Beginn an. Diese Stetigkeit hilft auch.

Und dann waren wir – was den ESF betrifft – auch einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Da hatten wir ganz viel Glück – was natürlich wieder motiviert…

Zum Schluss noch einmal zu Dir: möchtest Du irgendwann wieder auf die Bühne zurückkehren, oder bist Du glücklich als Ermöglicherin und Wegbereiterin für Vereinbarkeit?

Das kann ich gar nicht sagen. Ich habe nie lange Pläne gemacht im Leben. Meistens gehen die Türen da auf, wo es gut ist. Ich mache im Moment einen absoluten Traumjob. Es ist herausfordernd, aber in Sachen Wirksamkeit und Sinnhaftigkeit wahrscheinlich besser in der Bilanz als Operngesang. Manchmal, wenn ich ein Konzert singe, wünsche ich mir schon, mal ne Weile wieder nur Musik zu machen und nicht in Videocalls zu sitzen und vielleicht kommt das auch. Aber gerade wäre mir eine Geschäftsstelle für den Verein lieber als ein Engagement an einem Theater.

Herzlichen Dank und alles Gute Dir und Euch, liebe Verena!